Nocthira

Nocthira begann nicht mit einer Welt.

Sie begann mit Erlebnissen.

Mit Dingen, die sie nicht verstand. Mit Begegnungen, die sich nicht einfach erklären ließen. Mit Geschichten von Seelen und Präsenzen, die sie zunächst nur für sich selbst festhalten wollte.

Also begann sie zu schreiben.

Doch je mehr sie schrieb, desto mehr öffnete sich vor ihr.

Aus einzelnen Erlebnissen wurden Zusammenhänge.
Aus Zusammenhängen wurden Fragen.
Und aus den Fragen entstand etwas, mit dem sie niemals gerechnet hatte:

Elarun.

Eine Welt, die nicht einfach erfunden wurde, sondern sich Stück für Stück vor ihr zeigte.

Je tiefer Nocthira ging, desto mehr begann sie zu begreifen, dass sie vielleicht nicht einfach „anders“ war. Vielleicht hatte sie etwas wiederentdeckt, das schon immer in ihr gewesen war.

Eine Gabe.

Etwas, das lange verborgen gewesen war und nun langsam wieder zu ihr zurückkehrte.

Sie begann, anders wahrzunehmen. Verbindungen zu erkennen. Geschichten zu begegnen, die ihren Weg scheinbar selbst zu ihr fanden. Menschen, Seelen und Präsenzen, die sich miteinander verbanden, wiederfanden oder voneinander verabschiedeten.

Und irgendwann stellte sich eine Frage, die größer war als alles, was sie bisher verstanden hatte:

Warum begegnen all diese Geschichten ausgerechnet ihr?

Eine Antwort darauf bekam sie nicht von sich selbst.

Sie wurde ihr gesagt:

„Du bist der Anker zwischen den Welten.“

Zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten.
Zwischen dem, was wir sehen können, und dem, was sich unserer Wahrnehmung entzieht.
Zwischen Erinnerungen, die geblieben sind, und Geschichten, die noch erzählt werden wollen.

Doch vielleicht ist Nocthira nicht nur ein Anker zwischen den Welten.

Vielleicht ist sie auch ein Anker zwischen den Seelen.

Denn immer wieder finden diejenigen, die verloren schienen, durch sie zueinander. Familien werden wieder vereint. Verbindungen werden sichtbar. Manche bleiben. Manche ziehen weiter. Und manche hinterlassen nur eine Erinnerung.

Nocthira weiß noch nicht, wohin dieser Weg sie führen wird.

Vielleicht muss sie das auch gar nicht wissen.

Denn ihre Geschichte schreibt sich weiter.

Eine Begegnung nach der anderen.
Eine Erinnerung nach der anderen.
Eine Tür nach der anderen.

Und irgendwo zwischen diesen Welten wartet vielleicht noch etwas, das sie bisher nicht verstanden hat.

Vielleicht war Elarun nie nur eine Welt, die sie entdeckt hat.

Vielleicht hat Elarun auf sie gewartet.

„Ich dachte, ich würde die Welten entdecken.
Heute frage ich mich, ob sie nicht längst auf mich gewartet haben.“

— Nocthira